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Gänsehaut und Mittelalter


„… und dir zum Lobpreis klingt die Welt“: Chorwerkstatt Hildegard von Bingen am 5./6. September im EVAngelischen Frauenbegegnungszentrum Frankfurt

Noten „Und das sollen wir singen?“ Zwölf Frauen starren skeptisch auf die ausgeteilten Blätter: lateinische Worte in einer mittelalterlichen Handschrift und darüber kleine Krakel, die entfernt an thailändische Schriftzeichen erinnern. Doch, das schafft ihr, ermutigt uns Bettina Strübel.

Die Kantorin bietet regelmä├čig Chorwerkstätten zu Hildegard von Bingen an. Vor rund tausend Jahren hat die Äbtissin, die heute vor allem als Kräuterkundige bekannt ist, Gesänge für den Gottesdienst vertont. Die Melodien wurden in so genannten Neumen notiert: Verschlungene Zeichen beschreiben, mit welchen Tönen eine Silbe zu singen ist.

Und tatsächlich: Allmählich finden wir uns in die mittelalterliche Musik mit ihrer ungewohnten Notation hinein. Wir lernen Virga, Punctum und Torculus kennen, singen immer flüssiger, freuen uns an dem fremdartigen und doch schönen Klang.

Wir: Das sind Frauen mit ganz unterschiedlichen Interessen und Vorkenntnissen. Manche interessiert die Theologie der Hildegard, andere wollen einfach gerne ein Wochenende singen. Wie sich schnell herausstellt, lernen diejenigen, die keine Noten lesen können, die Lieder ebenso schnell wie die erfahrenen Chorsängerinnen.

Scivias Faszinierend und fern zugleich ist die Welt der Hildegard. Das zeigt sich auch, als wir Illustrationen zu ihren Texten betrachten. In ihren mystischen Visionen sah sie den Kosmos durchströmt von göttlicher Kraft und Weisheit. Diese in der Schöpfung verborgene überirdische Schönheit und Ordnung soll auch in der Musik erklingen. Heute, da uns die Welt alles andere als wohlgeordnet erscheint, ist das nicht leicht nachzuvollziehen. Aber es ist möglich und tröstlich, sich versuchsweise darauf einzulassen.

Beim Abendgebet in der Alten Nicolaikirche, einem schlichten, romanischen Bau in der Frankfurter Innenstadt, klingt unser Gesang erstaunlich harmonisch. Die Besucher applaudieren freundlich, und bei der Abschlussrunde spricht eine Sängerin allen aus der Seele, als sie sagt: „Am ersten Tag dachte ich, das schaffe ich nie. Aber am Schluss hatte ich richtig Gänsehaut.“

Andrea Teupke

Die nächste Chorwerkstatt findet am 13./14.2.2016 statt im EVAngelischen Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt statt.