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Forum FrauenSingen 2017 – Bericht


„Zurück zu den Wurzeln“ war das Motto des Tages, Samstag 24. Juni 2017, in Wallau, Singtag für Frauen; anläßlich des 275. Jubiläums des barocken Kirchenneubaus war die Einladung nach Wallau gekommen.

Ein wunderbar heller Tag, der Beginn war noch etwas kalt, aber nach den sehr heißen Tagen der Woche war das eine willkommene Abkühlung. In der Kirche war zum Aufwärmen am Morgen noch genug Wärme von den Vortagen, das war auch nötig, manch eine war am Anfang zu dünn angezogen.

Der Willkommenskaffee mit Äpfeln, Kirschen, Keksen wurde im Kirchgarten eingenommen – wobei der Wind fast die Kekse wegwehte. Man traf sich aus dem Odenwald und aus dem Taunus und Westerwald und von da und von dort… begrüßte mit Freuden alte Bekannte aus den Vorjahren – eine FrauenSingen-Gemeinde ist inzwischen entstanden. Wir fingen an zu singen, und der Wind ließ nach – ob es da einen Zusammenhang gab? Petrus hatte jedenfalls ein Einsehen, und es war den restlichen Tag wunderbares Wetter, sonnig, mit etwas Wind.

Mit einem Lied, das vor 10 Jahren für das Frauensingen in Wallau von Karin Drexel für Frauenchor umgeschrieben wurde, begrüßte der Kirchenchor Wallau die ca. 120 Frauen, die aus dem Gebiet der ganzen EKHN gekommen waren. Es folgten Begrüßung von der Kirchengemeinde Wallau durch die Vorsitzende des Kirchenvorstands Doris Bäuerle-Obst sowie Grüße von der Kirchenleitung der EKHN durch die Vorsitzende des Chorverbands Dr. Susan Durst und Einführung der Workshopleiterinnen durch Ursula Reichert, Sprecherin des Fachausschusses Frauenchöre im Chorverband der EKHN.

Fröhliches und bewegungsbetontes Ankommen mit einem Namenskanon unter Leitung von Kantorin Bettina Strübel, die auch die musikalische Leitung des Tages innehatte. Pfarrerin Janine Knoop-Bauer, theologische Referentin für Frauen und Spiritualität, Ev. Frauen in Hessen und Nassau e.V., begleitete mit feiner Konzentration und Präsenz den Tag in den liturgischen Einheiten und begann mit einem Morgenimpuls für Körper, Seele und Geist.

Danach gab es ein gründliches und aus-atembetontes Einsingen mit der Sängerin und Performancekünstlerin Schirin Partowi aus Bonn – dem Atemfluss folgend die Stimme entwickeln, dem Körper in Aufrichtung folgen, den Atem immer wieder neu greifen und schließlich über Summen und Lauten allmählich immer mehr zum Gesang kommen. Beeindruckend, wie dramatisch und kurzweilig ein halbstündiges Einsingen sein kann!

Danach folgten im gemeinsamen Singen Lieder für die Mittagsandacht, die unter Leitung von Bettina Strübel und der Workshopleiterinnen im Plenum geübt wurden, z. B. ein auf einem dt. Kirchenlied beruhendes Lied aus dem Estnischen – mit Kristel Neitsov-Mauer, die sich als Kirchenmusikerin und Pfarrerin der estnischen Kirche in Deutschland besonders mit der Geschichte deutscher Kirchenlieder in Estland beschäftigt und uns Kostproben dieser estnischen Stücke für Frauenchor im Vergleich der deutschen Version gab. Ein Singen nach dem Gedächtnis – stille Post für Kirchenlieder. Interessant, was übrigblieb von einem Lied und interessant, wie schwierig zwei Töne zu singen sein können, wenn sie sich ständig in der Dissonanz befinden und in anderem Rhythmus als die anderen Stimmen sind. Eine kleine Herausforderung, dazu noch einen estnischen Text zu singen – diese Herausforderung nahmen dann die Teilnehmerinnen des Workshops an.

Danach ging es in die Workshops in Gemeindehaus und Kindergarten – Stimmbildungskurse mit Ute von Genat zu Achtsamkeit mit der Stimme, mit Beela Müller, Salzburg, über Atemtypen-Stimmbildung und Schirin Partowi, vertiefend zu ihrem Einsingen, und mit Kristel Neitsov-Mauer. Bettina Strübel hielt einen Workshop zum Thema „Lass die Wurzel unsers Handelns Liebe sein“ – verblüffend, wie mit einfachsten Mitteln (und einfach zu lernen) Mehrstimmigkeit aus Melodien entstehen kann, improvisiert durch wechselnde Bordunstimme und wechselnde Sängerinnengruppen. Auf sowas muss man erstmal kommen, aber dann ist es einfach durchzuführen… Ideen bekamen wir reichlich mit…. Psalm 23 als eine Wurzel, die uns trägt in schweren Tagen – zweistimmige Vertonung von Louis Lewandowski (1821-1894), (fast) Zeitgenosse Mendelssohns, für den jüdischen Gottesdienst geschrieben, einfach und gesanglich – eine Entdeckung für den christlichen Gottesdienst.

Ein ganz besonderer Workshop wurde von Chasan Aviv Weinberg, jüdischer Kantorin, aus Berlin gehalten – Psalmen sind die Wurzeln des Gesangs in der jüdischen und christlichen Tradition. Psalmvertonungen von Louis Lewandowski, J. Weisser, ein Arrangement der zeitgenössischen Komponistin Vita Gurevich und das Stück „Ose Shalom“ von Debbie Friedman wurden in ihren Workshops gesungen. Mit viel Humor und Feingefühl gestaltete Aviv Weinberg die Workshops, und frau fühlte sich dort gut aufgehoben. Dass von den Psalmen keine direkten musikalischen Quellen im jüd. Kontext überliefert sind – im Gegensatz zu anderen liturgischen Gattungen –, war eine spannende Information, würde man doch eher das Gegenteil vermuten.

Mittagsandacht fand wieder in der Kirche statt – kleine Pause und wichtiges Innehalten bei dem dichten Programm.

Anschließend gab es Mittagessen im alten Rathaus und Pause mit Kaffee im Kirchhof und am Recepturhof – das „Wanaloha-Haus“, Museum zur Geschichte Wallaus, hatte extra für den Frauensingtag seine Pforten geöffnet. Ausstellung zur Geschichte der Kirche, Orgelführungen zur hübschen kleinen Barockorgel in Wallau mit Demonstration der manuellen Luftzufuhr der Orgel durch „Kalkant“ ergänzten das Programm (Orgelführungen und Orgel im Gottesdienst: Kantor Heinz Zickler, geb. 1920, aus der sächsischen Bach- und Orgel-Tradition kommend). Interessante Geschichten, barocke Orgelklangfarben und -stimmung und selbst Handanlegen an die Orgel-Luft – erstmal spannender als Mittagessen. Dann ein Bewegungsteil – Sommerlieder getanzt im Kirchgarten um einen bunt geschmückten Baum – Erinnerung an die schwedischen Mittsommertänze vom vergangenen Jahr in Kloster Eberbach und wunderbares Sommervergnügen – begleitet von Ursula Brehm am Akkordeon und einigen singenden Frauen. Sommerlich rote Kleider überall – Farbpunkte im grünen Garten.

Weiter ging es mit Workshoprunde 2, Kaffee und Kuchen im Rathaus, gemeinsamem Singen Teil 2 wieder in der Kirche. Herzlicher Dank allen Workshopleiterinnen und musikalischer Leitung sowie kräftiger Applaus galt zum Ende des gemeinsamen Singens Helferinnen und Helfern beim Auf- und Abbau, insbesondere den Frauen des Kirchenchores Wallau für tatkräftige Organisationshilfe mit Umräumen der Workshopräume und des Rathauses, Kaffeekochen, Mittagessen- und Kuchenvorbereiten, farbigen Blumenschmuck in Kirche, Rathaus und allen Workshopräumen.

Um 18 Uhr begann die öffentliche musikalische Vesper zum Abschluß des Tages mit Orgelklängen auf der Barockorgel (Bach, „Liebster Jesu wir sind hier“). Improvisation zu „Lass die Wurzel unsers Handelns Liebe sein“, „Mothering God“, ein Lied zu Gott als mütterlicher Wurzel – das in einem neuen Frauenchorsatz von Bettina Strübel und auch in dt. Version für das Frauensingen bereitstand – sowie „Gott des Himmels“ des estnischen Komponisten Cyrillus Kreek (1889-1962) eröffneten den Gottesdienst. Magnificat mit Myriam-Kehrvers, Fürbitten mit Hildegard von Bingen-Kyrie, „Vater- und Mutterunser“ gehören schon lange zur Liturgie des FrauenSingens (und der Chorwerkstätten). Mit Lesungen zur Weisheit Gottes, zu Wurzeln und einer einfühlsamen und konzentrierten Einführung in die „Wurzeltexte“ der Bibel und das, was uns daran bewegt, führte Pfrin. Knoop-Bauer den Tag inhaltlich zusammen. Das Segenslied, ein wunderbares und sehr gesangliches Friedenslied „Ose shalom“, Kanon, Musik von Debbie Friedman, und ein einfacher und schöner dreistimmiger Frauenchorsatz von Chr. H. Rinck (1770-1846) „Abend wird es wieder“ beschlossen den Tag. „So in deinem Streben bist, mein Herz, auch du: Gott nur kann dir geben wahre Abendruh.“

Ursula Reichert